War Kleiber ein politischer Mensch und welche Überzeugungen hatte er? Keine leichte Frage, die da unlängst in einem ausländischen Blog diskutiert wurde. Angeregt wurde sie von einigen, des Deutschen nur bedingt mächtigen Kleiber-Interessierten nach der insofern nicht einfachen Lektüre meines Buches. Speziell meine Anmerkungen zu den späten 60er-Jahren kamen hier zur Sprache, eine hochpolitische Zeit voller gesellschaftlicher Umbrüche.
Carlos Kleiber war wie sein Vater eigentlich kein politischer Mensch. Erich Kleiber wurde mehrfach gegen seinen Willen in die Politik verwickelt: in Nazi-Deutschland, während der Emigration und später durch sein Engagement in Ostberlin. Das Schicksal seines Vaters prägte auch Carlos Kleiber. Er reagierte sehr heftig, wenn sein Vater mit den Nazis in Verbindung gebracht wurde und zeigte sich als strikter Gegner des Nationalsozialismus sowie rechter Strömungen. Politisch aktiv wurde er jedoch nicht – seine politischen Äußerungen waren häufig emotional und situationsbezogen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs besaßen in Deutschland noch immer viele Menschen Macht und Einfluss, die bereits während des „Dritten Reiches“ eine unrühmliche Rolle gespielt hatten. Für Carlos Kleiber waren diese ein rotes Tuch.

Zurückgekehrte Emigranten erfuhren in Deutschland und Österreich nach dem Krieg noch lange Misstrauen und Ablehnung. Erich Kleiber machte solch bittere Erfahrungen und auch sein Sohn wurde damit immer wieder konfrontiert. Die deutsche Gesellschaft befand sich in den 60er-Jahren in einer schwierigen Phase. Eine konservative Politik, die nach wie vor den reaktionären, autoritären Geist großer Teile der Bevölkerung widerspiegelte, sah sich zunehmend mit einem wachsenden Drang nach mehr Demokratie, Freiheit und Offenheit konfrontiert, der sich schließlich in der so genannten 68er-Bewegung Luft machte. Diese forderte eine Aufarbeitung der NS-Zeit und einen gesellschaftlichen Wandel, sie brachte die Gesellschaft ins Wanken.

Verständlich, dass Carlos Kleiber, der verkrustete Strukturen hasste und im Denken eher ein Freigeist war, dieser linksorientierte Aufbruch nicht unberührt ließ. An politischen Aktionen aber beteiligte er sich offenbar nicht. Über politische Themen sprach Kleiber nur im privaten Kreis, mit Freunden und guten Bekannten. Wie große Teile der jüngeren Generationen, wandte er sich in solchen Gesprächen beispielsweise gegen den Vietnam-Krieg und damit gegen die Politik der USA. Bemerkungen wie jene, dass er das Dirigieren aufgeben und in Vietnam aktiv werden wolle, entsprangen aber emotionalen Momenten und besagen nicht, dass Kleiber dies wirklich vorhatte. Dass er eine Mao-Bibel besaß, heißt ebenfalls nicht viel. Sie war damals in Deutschland bei jüngeren Leuten sehr verbreitet und Kleiber auf der anderen Seite wissbegierig und intellektuell stets sehr aufgeschlossen, auch gegenüber Gesellschaftstheorien und anderen Kulturen.

In späteren Jahren reiste er sehr viel, um die Welt und ihre Menschen kennenzulernen. Während seiner ersten Japan-Tour, 1974, beschäftigte er sich derart intensiv mit dem Buddhismus, dass Nahestehende ihn bereits zu einem Buddhisten werden sahen. Wenngleich er wohl kaum an eine Wiedergeburt glaubte, dürften ihn gewisse grundlegende, universelle Sichtweisen dieser Lehre beeindruckt haben. Nach der Reise jedoch gingen diese wohl in seinem geistigen Kosmos auf, ohne dass er sich einer bestimmten Religion verpflichtet fühlte. Auffallend aber war immer seine große Toleranz.

Politisch nachhaltig für Carlos Kleiber blieben auch seine Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus in Ost-Berlin, wo sein Vater, frustriert von der politischen Führung der DDR, 1955 an der Berliner Staatsoper das Handtuch warf und in den Westen zog, nur um dann dort zuweilen als Kommunist verunglimpft zu werden. Bis zu seinem Tod hatte er darunter zu leiden. Mit linken Ideen jedoch war Carlos bereits in Kuba in Berührung gekommen. Seine Mutter etwa war eine gute Bekannte von Fidel Castro. Tendenziell stand Kleiber im Denken wohl Ideen nahe, die in Deutschland von Linksorientierten vertreten wurden. Dies aber war lange Zeit ein Merkmal gerade der jüngeren Generationen aus gutbürgerlichem Hause. Im Ganzen ging es ihnen mehr um einen gesellschaftlichen und politischen Wertewandel, der natürlich im Sinne Kleibers lag.

Gegenüber der Politik und ihren Protagonisten hegte Carlos Kleiber zeitlebens ein großes Misstrauen, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen seines Vaters und der eigenen Erlebnisse in der schwierigen Zeit der Bundesrepublik und Österreich der 50er- und 60er-Jahre. Wie tief Kleibers Antipathie gegenüber Politik und Politikern war, zeigte sich beispielsweise, als er 1989 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ein Bundespräsidentenkonzert in Berlin dirigieren sollte. Dass er in Weizsäcker eine positive Ausnahmeerscheinung in der Politik sah, trug maßgeblich dazu bei, dass er dieses Konzert – sowie ein weiteres im Jahre 1994 – mit dem Philharmonischen Orchester Berlin bestritt.

Prinzipiell lässt sich wohl sagen, dass es Kleiber nie um politische oder gar parteipolitische Doktrinen ging, sondern um eine freiheitliche, offene, aufgeschlossene, soziale und gerechte Gesellschaft.

80 Jahre alt wäre Carlos Kleiber im Juli 2010 geworden. Ein idealer Anlass also, die parallel weiterlaufende, gebundene Ausgabe meiner Biografie über den Dirigenten als Taschenbuch herauszubringen. Diese neue Auflage umfasst einige Ergänzungen, Aktualisierungen und kleinere Korrekturen. Besonders ins Auge sticht natürlich, dass das Cover ebenfalls neu gestaltet wurde.

Von Anfang an wünschte ich mir ein Bild Kleibers in jüngeren Jahren. Gerne hätte ich auf der Erstausgabe das beeindruckende Foto Werner Schloskes gesehen, das dieser während Kleibers „Elektra“-Premiere 1971 in Stuttgart schoss. Grafische Gesichtspunkte, speziell der hohe Schwarzanteil des Originals, gaben dann jedoch bei der Produktion im Verlag den Ausschlag, ein anderes Motiv zu wählen. Natürlich fand es im Buch dennoch einen Ehrenplatz. Für mich besaß dieses Bild, abgesehen von einem künstlerischen, nicht allein einen wesenshaften Aspekt, sondern auch einen mahnenden. Über Jahre hinweg begleitete mich das Foto Tag für Tag auf meinem Handy, stets dazu angetan, mich anzuspornen, das Ziel, das ich mir gesetzt hatte, nicht aus den Augen zu verlieren.

Bereits in der sich abzeichnenden Phase seines endgültigen Rückzugs aus dem Musikgeschehen wurde Kleiber vor allem als älterer Herr wahrgenommen, über dessen psychische Befindlichkeit und mögliche Gebrechen immer wieder spekuliert wurde. Fast schien es so, als sei der strahlende, energiegeladene Mann von einst in Vergessenheit geraten.

Das Foto auf der neuen Taschenbuchausgabe zeigt nun diesen jungen Kleiber, auf dem Sprung zum Weltruhm, freudig, tatendurstig und ungebrochen in der Musik aufgehend. Ein Motiv, das jüngere Generationen gewiss direkter anzusprechen vermag. Wer anderes als Carlos Kleiber hätte in Zeiten eines aussterbenden Dirigentenolymps junge Menschen an die klassische Musik heranführen und sie für diese begeistern können? Es gibt wohl kaum eine Pop-Ikone, die vor seinem Charisma, seiner Ausstrahlung und seinem Feuer nicht verblasst wäre. Carlos Kleiber gelang es, diese Begeisterung bei vielen Jüngeren zu entfachen, wenngleich nicht in dem Maß, wie es in seiner Macht gestanden hätte. Immer seltenere Auftritte, seine öffentliche Nichtpräsenz und besonders die frühe Abkehr von Plattenaufnahmen beförderten nicht gerade die Wahrnehmung seiner Person in der breiten Musiköffentlichkeit.

Vor seinem Tod war Kleiber praktisch von der Bildfläche verschwunden. Die weltweiten Nachrufe zu seinem Tod im Jahre 2004 belegten jedoch, dass er keineswegs vergessen war. Allein, der Mensch und Künstler Kleiber, über den kaum etwas bekannt war und der beständig missverstanden wurde, bedufte dessen, was bis dahin unmöglich schien: einer Biografie.

Mit dieser wollte ich bewusst den Anstoß zu einer Kleiber-Renaissance geben. Die Diskussionen um Kleiber, der nun endlich ganzheitlich wahrgenommen werden kann, wurden durch diese Veröffentlichung zu neuem Leben erweckt. Zuweilen kursieren in den Medien noch alte Geschichten, unreflektierte und längst überholte Einschätzungen und Informationen. Wer jedoch gewillt ist, dem wahren Kleiber nahezukommen, kann dies nun in reichem Maß tun.

Natürlich erhielt ich nicht wenige Zuschriften von bewährten Klassik-Liebhabern, einige noch sauber auf der Schreibmaschine getippt. Mich freute jedoch sehr, dass sich auch eine erkleckliche Zahl jüngerer Menschen an mich wandte, fast ausnahmslos per E-Mail oder, beinahe selbstredend, über Facebook. Der jüngste Leser war gerade 17 Jahre alt. Reaktionen kamen aus der ganzen Welt – keineswegs immer von Leserinnen und Lesern, sondern häufig von Interessenten, die mangels deutscher oder japanischer Sprachkenntnisse auch außerhalb der USA oder Großbritannien zumindest auf eine englische Übersetzung hoffen.

Eine 46-jährige Chinesin aus Hongkong, die den ersten Band der japanischen Ausgabe erwerben konnte, schrieb mir, dass sie Japanisch doch nicht verstehe, obwohl sie ganz erstaunt gewesen sei, dass die Schriftzeichen den ihren irgendwie ähnlich sähen.

Japanische Kleiber-Fans können sich da entspannt bei der Lektüre zurücklehnen. Mich überraschte völlig, dass viele von ihnen die deutsche Ausgabe gleich noch dazu kaufen. Offenbar ist die alte tiefe Liebe zwischen Japan und Kleiber frisch wie bei seinem letzten Auftritt in Tokyo, 1994.

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80 Jahre alt wäre Carlos Kleiber am 3. Juli 2010 geworden. Ein Geburtstag, der einmal mehr Anlass gibt, den großen Dirigenten weltweit zu würdigen. Ob in der Presse, im Rundfunk oder im Fernsehen, die zahlreichen Beiträge zeugen davon, wie nachhaltig Kleibers Wirkung ist.

Insbesondere seit Erscheinen der von mir verfassten Biografie Ende 2007 hat sich viel bewegt. Erst diese umfassende Aufarbeitung von Kleibers Leben und Karriere ermöglichte vielfach eine weitaus differenziertere Berichterstattung. Zuvor blieb die Auseinandersetzung weitgehend redundant oder spekulativ.

Auch Filmprojekte kommen nun endlich in Gang, nachdem bereits einige Vorhaben in der Vergangenheit an rechtlichen Problemen gescheitert waren. Der Knackpunkt war stets, dass von Seiten der Erben, die seit Mitte der 70er-Jahre in Besitz der Senderechte an Filmausschnitten von Aufführungen Kleibers sind, keine Sendegenehmigungen erteilt wurden. Die erste Filmdokumentation, an der ich ebenfalls beteiligt war und die nun im Juli von ServusTV Salzburg ausgestrahlt wird, beweist, dass ein Porträt Kleibers auch ohne dieses Material möglich ist.

Anlässlich des Geburtstags erscheint im Juli eine broschierte Neuausgabe meiner Kleiber-Biografie. Der günstige Preis und das neugestaltete Cover mit einem Foto des jüngeren Kleiber kommen gewiss auch einem jüngeren Publikum entgegen. Darüber hinaus wurde der Text, wie bereits in der parallel weiterlaufenden zweiten Auflage der gebundenen Ausgabe, bearbeitet und aktualisiert. Ein weiterer Schritt also, um Kleiber einer noch größeren Zahl von Musikfreunden nahezubringen.

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Carlos Kleiber und das Geld: Dieses Thema schlachtete die Presse immer wieder gerne aus. Aber waren seine Honorarforderungen wirklich so spektakulär, wie oft behauptet wurde? Überzogen gar oder dreist? Dirigierte er etwa nur wegen einer höchstmöglichen Gage? Annahmen, die einmal mehr am vielschichtigen Wesen dieses Mannes vorbeigehen.

Carlos Kleibers Talent, sich zu vermarkten, war spärlich ausgeprägt. Herbert von Karajan war da ein ganz anderes Kaliber. Nur selten ließ sich Kleiber auf Agenten ein. Verhandlungen über seine Auftritte, Verträge und Honorare führte er selbst.
Zu Beginn seiner Karriere verdiente er gemessen an üblichen Bezügen nicht viel und führte Anfang der 60er Jahre ein sehr bescheidenes Leben. Von seiner Mutter Ruth erhielt er keine zusätzliche finanzielle Unterstützung, wie er gelegentlich privat äußerte. Als diese 1967 starb, hatte sich seine Lebenssituation jedoch wesentlich verändert. Inzwischen war er Vater und fest entschlossen, alles dafür zu tun, seine Familie stets gut versorgt zu wissen. Schon damals ließ er verlauten, er dirigiere nur solange, bis dies gesichert sei.

Sein Gehalt an der Stuttgarter Staatsoper war schon recht gut, überschritt jedoch nicht ein vorgesehenes Maximum. Die entsprechenden Verhandlungen hatte er dem Haus nicht leicht gemacht hatte. Doch Kleiber erhielt lediglich Urlaubszugeständnisse und konnte sich keine allzu großen Sprünge erlauben, die seinem Wesen ohnehin fernlagen. Ohne das Bedürfnis nach gehobener Wohnkultur oder Luxus mietete er sich günstig auf dem Land ein. In das Münchner Nobelviertel Grünwald verschlug es ihn später eher durch Zufall. Auch dort lebte er bis zuletzt bescheiden und zurückgezogen.

Ab Anfang der 70er Jahre war Kleiber endgültig davon erlöst, sich in eine feste Anstellung zwängen zu müssen. Viele der hoch dotierten Angebote, die aus aller Welt bei ihm eintrafen, las er nicht einmal, vor allem dann nicht, wenn sie aus den USA kamen. Stimmten jedoch die Voraussetzungen und das Ambiente, trat er stattdessen für erheblich weniger Geld ans Pult. Für einen Dirigenten seines Formats stellte er sicherlich keine unangemessenen Forderungen. So hatte man sich etwa beim SDR in Stuttgart 1970 problemlos geeinigt.

Manche Engagements scheiterten nur vordergründig an Kleibers finanziellen Ansprüchen. Nicht alle waren ihm gewogen, wohl auch nicht der einstige Intendant des Philharmonischen Orchesters Berlin, Wolfgang Stresemann, der ihm einmal ein eher halbherziges Angebot unterbreitete. Nach seinem „Nein“ zu Kleibers Gagenvorstellungen unternahm er keine weiteren Verhandlungsschritte und wunderte sich im Nachhinein, dass er nichts mehr von ihm hörte. Nicht alle waren bereit, dem Jungstar das zu geben, was altbewährte oder willfährigere Kollegen erhielten.

„Sternstunden“ erwarteten jedoch alle von ihm. Meist wurde dabei vergessen, mit welchem Feuereifer Kleiber sich in seine Aufgaben stürzte. Sein für manche zuweilen an Besessenheit grenzender Einsatz beschränkte sich keineswegs auf Proben und Aufführungen. Seine akribischen und intensiven Vorbereitungen begannen oft schon Monate vorher und hatten manchmal zur Folge, dass er für ein Gastspiel andere absagen musste.

Es konnte gefährlich werden, Kleiber vertraglich künstlerische Zugeständnisse zu machen, und diese dann nicht einzuhalten. In Fällen, in denen ihm das Zugesagte verweigert wurde, erwiesen sich selbst eine ausgezahlte Gage und bereits ausgebuchte Säle nicht als Garantie für einen dirigierenden Kleiber. Dabei bewegte er sich rechtlich stets auf der sicheren Seite. Nur wurde dies nie klar nach außen weitergegeben.

In Bayreuth habe er „das Übliche“ bekommen, erzählte mir Wolfgang Wagner. Vermutlich war es ja doch etwas mehr, aber maßvoll im Vergleich zu späteren Gagen. Kleiber, der stets als schwierig galt und mehr und mehr wegen seiner Absagen und Verweigerungen ins Gerede kam, zögerte häufig, einfach „nein“ zu sagen. Er ließ sich nicht selten auf Verhandlungen über Engagements ein, die er gar nicht wollte. Anstelle einer Absage erwies sich für ihn die „Honorarschraube“ als bewährtes Mittel.

Die sollte auch 1977 bei den Elektra-Aufführungen in Covent Garden funktionieren. Doch zur Verblüffung Kleibers akzeptierte die Royal Opera seine Forderungen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach London zu reisen. Für das Opernhaus in San Fransisco, an dem er 1977 sein USA-Debüt geben sollte, verlief das überraschende Versagen seiner Honorarschraube weniger glimpflich. Kleiber stand dem Engagement zunächst nicht abgeneigt gegenüber, solange dabei die Zusammenarbeit mit Wolfgang Windgassen in Aussicht stand. Als der Sänger jedoch starb, erlosch Kleibers künstlerisches Interesse schlagartig. Er wusste, dass ihn fast alle engagieren wollten, nur nicht, dass einige bereit waren, dies zu erreichen, koste es was es wolle. Kleiber – fassungslos über das Versagen seiner Taktik, denn er muss immense Summen gefordert haben – sagte letztendlich zum Entsetzen der Beteiligten wegen Krankheit ab. Eine der wenigen, vielleicht die einzige Episode, in der die Krankheit möglicherweise vorgeschoben war.

Doch solche spektakulären Geschichten hatte Kleiber nicht beabsichtig. In der Regel lag es ihm fern, zu pokern. Er wusste, was er wert ist und beanspruchte, was er für angemessen hielt. Bot man ihm von vornherein mehr, lehnte er dies nicht ab. Stimmten die Bedingungen und das Vertrauen zum Gegenüber, stand einer Einigung kaum etwas im Wege. Meist waren für einen Auftritt Kleibers nicht die Gagen ausschlaggebend, sondern das persönliche Engagement ihm in irgendeiner Weise naher Menschen.

In München fühlte er sich wohl. Die Stadt wurde zu seiner Hochburg mit anfangs reizvollen künstlerischen Herausforderungen. An keinem anderen Ort dirigierte Kleiber so oft und so viele Werke. „Aber warum immer wieder den Rosenkavalier?“, fragte ich einen Freund Kleibers. „Wegen der regelmäßigen Einkünfte, mit denen er schon in Stuttgart seinen Lebensunterhalt sicherte“, so die Antwort. Seiner Gewissenhaftigkeit und seinem Eifer tat dies keinen Abbruch. Zunehmend trugen gewiss künstlerische wie auch persönliche Gründe dazu bei, dass Neuninszenierungen immer seltener wurden. Allein schon durch den Weggang des Intendanten Günther Rennert lockerte sich Kleibers Verhältnis zur Staatsoper erheblich.
Wie Wolfgang Sawallisch, Generalmusikdirektor und später Staatsoperndirektor in München, mir erzählte, konnte es passieren, dass Kleiber vor einer Aufführung plötzlich doch noch eine höhere Gage forderte. Kein Wunder, denn in den 80er Jahren trat er merklich seltener ans Pult und verlangte dementsprechend mehr. Offenbar führte dies aber nicht zu Konflikten. Kleiber war überall ein Garant für volle Häuser und sorgte für öffentliches Aufsehen.

Für manchen Intendanten bedeutete es den Höhepunkt der Amtszeit, ihn wenigstens einmal zu gewinnen. Andere verzichteten lieber auf diese Ehre, insbesondere während der rasanten Aufstiegsphase Kleibers. Grischa Barfuss lehnte eine Zusammenarbeit mit ihm 1964, noch vor seinem Amtsantritt als Generalintendant an der Deutschen Oper am Rhein, ab: Kleiber mache zu viel Ärger. In Stuttgart fiel er 1972 nach dem Intendantenwechsel zum Leidwesen des Publikums in Ungnade. 1974 blieb August Everding an der Hamburgischen Staatsoper unnachgiebig, als Kleiber auf zusätzliche Falstaff -Proben im Orchestergraben bestand. Die Premiere fand ohne Kleiber statt. Eine später im Jahr geplante Rosenkavalier-Aufführung ging im Ärger über Kleibers Spesenerwartungen und wegen dessen folgender Krankmeldung unter.

Kleiber war ein durchaus sparsamer Mensch, der dazu neigte, Dienste mit Freikarten zu vergüten, sogar die von Anwälten. Er ließ sich auch gerne zum Essen einladen, ohne dabei nobel speisen zu müssen. Er hatte wenig Vertrauen in Banken, wie mir ein guter Bekannter Kleibers berichtete, und fürchtete um sein Erspartes. Auch hier spielte der Einfluss seines Vaters Erich Kleiber eine nicht unwesentliche Rolle, der durch die Weltwirtschaftskrise einen finanzielle Einbruch erlebt hatte. Und obwohl sein Vater sehr gut verdient hatte, musste Carlos Kleiber erfahren, welche Summen dieser für den Lebensunterhalt seiner Familie sowie für teure Ausbildungen benötigte und wie er dann im besten Dirigentenalter plötzlich verstarb. Auch ihm wurde nachgesagt, bei Bedarf seine Gage schon mal nach oben zu korrigieren.

Aber wäre es Carlos Kleiber nur um Geld gegangen, hätte er seine Einnahmen durch Gastspiele und Plattenproduktionen vervielfachen können. Gewiss konnte ihn da und dort ein sattes Honorar leichter überzeugen, beispielsweise bei den Wiener Neujahrskonzerten 1989 und 1992, die er nicht unbedingt hätte dirigieren müssen. Manch alter Weggefährte, der sich endlich Beethovens oder Schuberts Neunte von ihm gewünscht hätte, schüttelte über diese Engagements den Kopf. Mit dem Gerücht, dass Kleiber die Tonträgerrechte an den Mitschnitten quasi versteigert habe, nährten die Medien den Verdacht, dass Kleibers Honorar die wesentliche Rolle gespielt habe. Ein zweites Mal wollte Kleiber sich diesem Rummel eigentlich nicht aussetzen. Dass er 1992 für den verstorbenen Leonard Bernstein einsprang, hatte vor allem persönliche Gründe. Die Musikwelt dankt es ihm bis heute.

Auch sein Debüt an der „Met“, dem weitere Auftritte folgten, wurde ihm durch ein wohl einmalig opulentes Angebot versüßt. Doch auch hier bewog ihn das Engagement eines Mannes, nämlich das Luciano Pavarottis, zu diesem Schritt. Offenbar war er New York die Gage wert. Noch heute schwärmt man dort von seinen Aufführungen.

Von großzügigen Honoraren ließ sich Kleiber nie manipulieren. Lag ihm etwas nicht, dann ließ er es, egal wie hoch die Angebote gingen. Das zeigte sich deutlich in den späten Jahren, als er zwar noch sporadisch für Film-Produktionen von Leo Kirchs Unitel oder Aufführungen an der Met dirigierte, aber ebensogut auch honorarfrei für einen guten Zweck bei den Berliner Philharmonikern oder seiner Familie zuliebe in Ljubljana. Auch für die Zusage seiner Japan-Tournee mit der Wiener Staatsoper 1994 war nicht die offenbar horrende Gage ausschlaggebend, sondern sein Wunsch, einmal mehr Japan zu sehen. Und statt auf weitaus lukrativere Angebote einzugehen, bestritt er seine letzte Konzerttournee 1999 nach persönlicher Fürsprache lieber mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks.

Als Kleiber 1996 in Ingolstadt als Honorar einen Audi A8 erhielt, löste er damit ein seltsames Medienecho aus. Kleiber in der Provinz – nur wegen eines Autos? Unterschlagen wurde nicht nur, dass sich dort bei den Sommerkonzerte an Donau und Altmühl einige berühmte Kollegen des Öfteren ein Stelldichein gaben, sondern auch, dass der Gegenwert des Fahrzeugs keineswegs einer überhöhten Gage entsprach. Dabei steht außer Frage, dass ihm das Auto gefiel und ihn das Angebot lockte.

Kleiber lag es zeitlebens fern, Geld um seiner selbst willen oder Reichtümer anzuhäufen. Am Ende starb er mit der Gewissheit, genau das Ziel erreicht zu haben, das er sich Jahrzehnte zuvor gesetzt hatte.

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Februar 2012
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