Mit großer Freude blätterte ich im Frühjahr 2009 in meiner gerade in zweiter Auflage erschienenen Biografie über Carlos Kleiber. Einmal mehr wurde mir dabei bewusst, dass ein solch umfangreiches Buch trotz oder gerade wegen seiner enormen Fülle an Informationen stets ein „work in progress“ bleiben würde.
Aus Anlass der zweiten Auflage rund ein Jahr nach der Erstveröffentlichung hatte ich die Chance wahrgenommen, so weit als möglich Änderungen vorzunehmen. Wesentliche Anliegen waren, orthografische und inhaltliche Fehler auszumerzen. So möchte ich mich hier auch bei den Leserinnen und Leserinnen bedanken, die mit hilfreichen Hinweisen dazu beitrugen.
Zu den inhaltlichen Neuerungen dieser „zweiten, durchgesehenen Auflage“ zählt die Aktualisierung eines immerwährend spannenden Kapitels: Kleibers Diskographie. Wie groß das Interesse an noch unbekannten, eventuell zu erwartenden Aufnahmen des Wenig-Einspielers Kleiber ist, zeigten mir die vielen Anfragen, die bei mir direkt oder über meine Carlos-Kleiber-Homepage aus der ganzen Welt eingingen. Tatsächlich konnten wir die Diskographie deutlich erweitern und auf den derzeit aktuellen Stand bringen. Hinzugekommen sind beispielsweise Aufnahmen und Probenmitschnitte vom „Rosenkavalier“, von „Wozzeck“ und „Tristan und Isolde“ sowie ein Fernsehmitschnitt von Kleibers legendärem Gastspiel in Mexiko 1981 mit den Wiener Philharmonikern.
Optimiert wurde gleichfalls das Personenregister. Bei den Danksagungen sollte ein Mann wie Michael Gielen, der mir in einem offenen Gespräch vieles über seinen Jugendfreund Carlos erzählte, keinesfalls fehlen. Auch im Text konnte ich einiges erläutern und um weitere Informationen ergänzen. Etwa darüber, dass Kleiber erzählte, seine Mutter Ruth stamme in direkter Linie vom schottischen Schriftsteller Sir Walter Scott ab, oder dass die große englische Produktionsfirma Decca bereits 1959 mit Kleiber über Plattenaufnahmen sprach. Und ist es nicht vielsagend, dass dem in Wien, Bayreuth oder Mailand gefeierten Kleiber bis 1978 von den Salzburger Festspielen allenfalls Konzerte mit für ihn völlig unattraktiven Programmen angeboten wurden? Selbst kleine, zuweilen auf den ersten Blick unscheinbare Steinchen können dazu beitragen, das Mosaik vom Leben und zum Verständnis dieses großen Dirigenten weiter zu vervollständigen. So wurde mir mit dieser zweiten Auflage der Biografie auch bewusst, dass mich Carlos Kleiber wohl kaum jemals loslassen würde.
Schmerzlich, wie klein das diskografische Vermächtnis von Carlos Kleiber ist, dieses begnadeten Ausnahmedirigenten, der immer daran zweifelte, seine musikalischen Ideale und Ansprüche im Konzertsaal, im Opernhaus oder gar im Studio verwirklichen zu können.
Anfang der 70er-Jahre, der Zeit seines aufblühenden Weltruhms, schien er zwar kritisch, aber doch willens zu sein, sein Konzert- und Opernrepertoire kontinuierlich auf Platte zu verewigen. Seine gerühmten Einspielungen des "Freischütz", von "La Traviata", "Tristan und Isolde", der "Fledermaus" und einiger Orchesterwerke von Beethoven, Schubert, Brahms und Dvořák haben Schallplattengeschichte geschrieben. Ein Jammer, dass Kleiber bereits nach zehn Jahren seine kurze Studiokarriere frustriert von den für ihn mehr und mehr unerträglichen künstlerischen Bedingungen der Branche beendete.
Ein Glück aber, dass er sich immerhin noch für einige auf Video, später auf DVD veröffentlichte Live-Produktionen mit teils neuem Repertoire gewinnen ließ. "Live", dieses Wort nährt Hoffnungen auf das, was noch ans Licht kommen könnte. Nach Live-Aufnahmen von Beethovens sechster und siebter Sinfonie aus München, Borodins zweiter Sinfonie, "Carmen" aus Wien auf DVD, teils von Kleiber noch vor seinem Tod 2004 autorisiert, lässt nun ein "Rosenkavalier" vom Münchner Festspielsommer 1973 die Herzen vieler Musikfreunde höher schlagen. Auch die Premiere der Neuinszenierung in der Regie Otto Schenks vom April 1972 ist komplett erhalten, wenngleich sie bislang nur in einem 20-minütigen Ausschnitt auf CD veröffentlicht worden ist. Dass bereits eine Münchner Folge-Aufführung von 1979 nebst einer ein wenig im Temperament zurückgenommenen Vorstellung aus der Wiener Staatsoper 1994 auf DVD veröffentlicht wurden, schmälert den Reiz und die Bedeutung dieser Dokumente nicht. Die hinreißende musikalische Sternstunde des Jahres 1973, klanglich gegenüber früheren nicht-autorisierten Ausgaben nun ungetrübter genießbar, macht Lust auf mehr.
Einiges schlummert noch in Archiven: Schumanns Klavierkonzert vom Prager Frühling 1968, Carl Philipp Emanuel Bachs Cellokonzert B-Dur oder eine "Fledermaus" in Französisch aus Genf 1966. Drei Mitschnitte von "Tristan und Isolde" aus Bayreuth, "Wozzeck" aus München 1970, der Scala-"Otello" von 1976, "La Boheme" aus Mailand 1979 oder die von Kleiber kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogene Aufnahme von Strauss'"Heldenleben" kamen nie offiziell auf den Markt. Und wer weiß, was für ungehobene Schätze sich in Kleibers Privatarchiv verbergen könnten. Denn an der Deutschen Oper am Rhein in den frühen 60er-Jahren ließ Kleiber Aufführungen mitschneiden, darunter einen "Rigoletto" aus Duisburg. Auch ein Band der Stuttgarter "Wozzeck"-Premiere 1966 hielt Kleiber in Händen. Wehmütig denkt man daran, was Kleiber nicht tat. Doch mit dem, was er schuf, gebiert er weiter musikalische Erfüllung und Spannung. (Alexander Werner)
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Alexander Werner, geboren 1961 in Karlsruhe, studierte Literaturwissenschaft und Geschichte, 1991–1995 Volontariat und Redakteur bei den Badischen Neuesten Nachrichten, ab 1995 bei Standpunkte, seit 2000 Chefredakteur des badischen Magazins Standpunkte mit Chrismon plus. Zahlreiche Beiträge über klassische Musik, Interviews und CD-Rezensionen in verschiedenen Organen, 1992 publizierte er "Maximilian Werner und die badische Revolution 1849". |
Weitere Informationen zum Autor finden Sie auch unter:
"Das Beste der Musik steht nicht in den Noten."
(Gustav Mahler)
Im Musikbuch-Blog von Schott Music äußern sich im vierteljährlichen Wechsel renommierte Buchautoren zu Neuigkeiten rund um die Musik. Aktuell lesen Sie Beiträge von Alexander Werner zu Carlos Kleiber.
Für viele ist er der bedeutendste Dirigent des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Mit Sicherheit ist er der problematischste. Aufgewachsen mit der Bürde des Übervaters Erich Kleiber, rang er sein Leben lang mit seinem Anspruch auf Perfektion. Als einer der gesuchtesten Dirigenten überhaupt akzeptierte Carlos Kleiber jahrelang keine feste Position. Die Zahl seiner Auftritte war gering, seine offizielle Diskografie minimal. Sein Charisma aber war legendär, seine Fangemeinde groß. Der Garant musikalischer Sternstunden blieb jedoch dem klassischen Musikbetrieb ein Rätsel. Sein Biograf Alexander Werner versucht, sich dem Menschen und Künstler Kleiber zu nähern, indem er dessen Lebensstationen erkundet und viele Weggefährten nach dem "Geheimnis Kleiber" befragt.
• Die erste Biografie der Dirigentenlegende auf dem deutschen Markt
• Ein Bild des Künstlers und Menschen Carlos Kleiber
• Entstanden in jahrelanger Recherchearbeit und unter Einbeziehung vieler Original-Interviews und unveröffentlichter Dokumente
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Alexander Werner 550 Seiten Weitere Informationen zum Buch unter: |